Was, wenn unsere psychologischen Bedürfnisse unbefriedigt bleiben?
Vertreter der Grundbedürfnistheorien gehen der Frage nach den grundlegenden psychischen Bedürfnissen nach, die der Mensch zur gesunden Entwicklung benötigt:
Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit
Bedürfnis nach Kontrolle und Orientierung
Bedürfnis nach Freiheit und Autonomie
Bedürfnis nach Selbstakzeptanz und Selbstwert
Sobald ein Grundbedürfnis nicht genügend berücksichtigt oder befriedigt wird, gewinnt es an Bedeutung und wird immer wichtiger. Sämtliche Aktivitäten kreisen dann vor allem darum, genau dieses eine Bedürfnis erfüllen zu wollen – die innere Spannung steigt. Es entsteht ein übermässiges Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit. Ein übermässiges Bedürfnis nach Kontrolle. Ein übermässiges Bedürfnis nach Autonomie. Ein übermässiges Bedürfnis nach Selbstwert.
Beispiel 1: Bedürfnis nach Selbstakzeptanz und Selbstwert
Bei einer geringen Selbstakzeptanz und einem geringen Selbstwert rückt dieses Bedürfnis zunehmend in den Vordergrund. In meiner Beratung ist es immer wieder Thema, dass der Selbstwert bspw. durch Anerkennung von Aussen versucht wird zu befriedigen, indem der Klient seinen Körper versucht dem Schönheitsideal entsprechend zu modellieren (sei es über Kraft/Fitnesstrainings, Schönheitseingriffe), um dadurch Anerkennung zu erhalten. Da man aber „nur“ aufgrund Äusserlichkeiten Anerkennung erfährt bleibt das tiefe Bedürfnis nach Selbstwert und Selbstakzeptanz unbefriedigt. Es gibt verschiedenste Ausprägungen und Strategien (es allen recht machen wollen, liebenswürdig sein, perfekt sein), wie wir versuchen unser Bedürfnis nach Selbstwert und Selbstakzeptanz zu befriedigen.
Damit wir aber unseren eigenen Selbstwert kennen und uns als Persönlichkeit selbst akzeptieren können (und das können nur wir selbst, wie es das Wort vermittelt), müssen wir uns annehmen – und zwar auch mit unseren weniger angenehmen Seiten: dass wir unsicher sind, dass wir so vieles nicht wissen, dass wir nie und niemals perfekt sein werden, dass wir Rückschritte machen, dass wir Seiten an uns haben, die andere nicht mögen, dass wir Seiten an uns haben, die wir selbst nicht mögen. Ich erlebe es sehr häufig, wie sich Menschen für gewisse Anteile ihrer Persönlichkeit schämen und diese vor allen verbergen – und entsprechend Selbstakzeptanz nicht entstehen kann. Dabei führt der Weg genau dadurch, dass man sich mit diesen Seiten zeigt. (vgl. dazu auch Beitrag innere Antreiber).
Beispiel 2: Freiheit/Autonomie versus Bindung/Zugehörigkeit
Fühlten wir uns als Kind eingeschränkt, alles wurde für uns erledigt, unsere Eltern waren überbehütend etc. so wurde unser Bedürfnis nach Freiheit/Autonomie verletzt. Wir erlebten zu wenig, wie in einer Beziehung das Bedürfnis nach Bindung befriedigt wird und wir aber gleichzeitig autonom sein können. Die logische Folge? Irgendwie wird man nicht so richtig beziehungsfähig. Zufall? Nein. Da das Bedürfnis nach Freiheit/Autonomie verletzt wurde, wird dies (bewusst oder unbewusst) so stark ins Zentrum gestellt, dass man keine Bindung eingeht. Oder sich die Bindung schwierig gestaltet.
In einer Partnerschaft, in welcher das Bedürfnis nach Freiheit und Autonomie jedes Partners zu wenig berücksichtigt wird kann dazu führen, dass in bei einem Partner mit der Zeit das Bedürfnis nach Freiheit immer mehr wächst, bis es eines Tages überhand gewinnt und genau dieses Bedürfnis exzessiv gelebt werden will. In einer Beziehung sind wir immer gefordert einen guten Ausgleich zwischen Autonomie und Bindung zu finden. Unser Bedürfnis nach Freiheit zu leben und dennoch in Beziehung sein zu können.
Fragen zur Selbstreflexion der psychologischen Grundbedürfnisse:
Welches Bedürfnis wurde in Ihrem Leben zu wenig befriedigt?
(Bindung und Zugehörigkeit, Kontrolle und Orientierung, Freiheit und Autonomie, Selbstakzeptanz und Selbstwert)?Welche Bedürfnisse wurden in Ihrer Familie besonders stark gelebt? Welche eher weniger?
Und wie steht es heute mit diesem Bedürfnis in Ihrem Leben? Wie befriedigen Sie es heute?
Steht es in einer gesunden Balance mit den anderen oder rücken Sie es noch immer stark ins Zentrum?
Was könnten Sie im hier und jetzt (und nicht jemand anderes) tun, damit dieses Bedürfnis befriedigt wird?