Die drei Stressreaktionen: Fight, Flight oder Freeze. Kampf, Flucht oder Starre.

Wenn ein Mensch oft oder unter sehr starken Stress gerät, greifen sein Gen- und sein Verhaltenssystem (je nach Stresswahrnehmung) auf primitive Reaktionsmuster zurück. Dabei ist für unsere Psyche nicht nur realer Stress gemeint, sondern ebenso löst auch Angst und Unsicherheit Stress aus. Wir reagieren dann mit Kampf (fight), Flucht (flight) oder Starre (freeze). Grundsätzlich lässt sich beobachten, dass Frauen tendenziell eher mit Flucht, Männer eher mit Kampf auf Stresssituationen reagieren.

Stressreaktion Fight (Kampf):

Die Kampf- und Angriffsbereitschaft entsteht mit der Hoffnung, die aktuelle Situation beseitigen zu können. Das dahinterliegende Gefühl ist eigentlich Angst, da eine Situation (unbewusst) als gefährlich eingeschätzt wird. Bsp.: Du schreist deinen Partner an, weil er gerade über eine rote Ampel gefahren ist. Du reagiertest zu Beginn der Corona-Quarantäne gereizt und aggressiv.  In diesem Modus geht man aktiv raus, in den Streit, in den Kampf. Der Fight-Modus fordert sehr viel Energie – wer also immer auf Konflikt oder Verteidigung eingestellt ist, stellt seine Psyche und seinen Körper so quasi unter Dauerstress.

Stressreaktion Flight (Flucht):

Durch aktive Vermeidung von Situationen (Handlungen, Menschen, Konfliktgespräche) wird versucht, unangenehme Gefühle zu vermeiden oder gar nicht erst auftreten zu lassen. Bsp.: Statt ein Gespräch mit Konfliktpotenzial durchzuführen, vermeidest du dieses Treffen. Du störst dich an einem Verhalten deines Gegenübers, wagst es aber nicht zu äussern. Nebst einer solchen physischen Flucht existiert aber auch die Flucht nach innen: Man zieht sich innerlich zurück, versucht sich so zu schützen – häufig wirkt man dann gegen aussen abweisen oder arrogant.

Stressreaktion Freeze (Erstarrung/Totstellreflex):

Erstarrung entsteht in einem Zustand der Hilf- und Hoffnungslosigkeit, wenn die eigenen Kräfte als so schwach eingestuft werden, dass es weder zum Kämpfen noch zum Fliehen reicht. Dieser Freeze-Effekt wird bspw. gemäss der Psychiaterin Ursula Davatz im depressiven Zustandsbild zu finden: Man weiss nicht mehr was machen, sieht keine Handlungsmöglichkeiten und erstarrt. Dieser sogenannte Totstellreflex kann auch durch eine spezifische Situation ausgelöst werden – eine beispielhafte Aussage hierzu wäre „Ich wollte schreien, aber brachte keinen Ton raus“. Meist ist man im Leben dann in einer blockierten Situation, in der man nicht mehr weiter weiss.

Sobald unsere Psyche in Kampf-, Flucht-, oder Starremodus gestellt wird, reagiert unser Körper: Unser Muskeln spannen sich an (deshalb klagen viele Menschen über Verspannungen), unser Puls und Herzfrequenz erhöhen sich (Gefühl der Nervosität), unser vegetatives Nervensystem wird lahm gelegt oder entlädt sich (daher die Redewendung “Ich mach mir vor Angst in die Hosen”), unser Körper schüttet Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus. Ein Dauerzustand von innerlichem Stress fordert unseren Körper so sehr, dass er irgendwann innerlich ausbrennt (siehe Beitrag Zum Thema Burnout). Deshalb ist es so wichtig, frühzeitig zu intervenieren und das Gespräch zu suchen. Neuere Studien zeigen, dass durch eine Beratung oder Therapie besser mit Stresssituationen umgegangen werden kann und man sich nicht einfach dem Kampf-, Flucht- oder Starremodus hingibt, sondern aktiv steuern und für sich die beste Lösung finden kann. Neurobiologisch ist es möglich, dass wir in unserem Hirn dadurch neue Schaltungen in unserem neuronalen Netzwerk bilden und dies zu alternativen Handlungen führt.

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Was, wenn unsere psychologischen Bedürfnisse unbefriedigt bleiben?

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Frühe Bindungserfahrungen prägen späteres Bindungsverhalten – Teil II