Frühe Bindungserfahrungen prägen späteres Bindungsverhalten – Teil II

Im letzten Beitrag ging es um die beiden Bindungsstile «sichere Bindung» und «unsicher-vermeidende Bindung» (siehe Beitrag Teil I) – heute erläutere ich euch die beiden weiteren Bindungsmuster:


3. Bindungsverhalten: Unsicher-vermeidende Bindung

Die Bindungsperson kann nicht genügend auf die Signale des Kindes nach Sicherheit und Schutz eingehen. Dies kann bspw. der Fall sein, wenn die Mutter an einer Depression leidet oder selbst keinen Schutz/Sicherheit als Kind erfahren hat. Entsprechend kann sie diese Erfahrung nicht weitergeben. Das Baby erfährt dann im Aussen keine Verlässlichkeit und doch ist es existentiell auf diesen Schutz angewiesen. Beobachtbar ist das häufig auch in Familien, in denen der Vater das sagen hatte und die Mutter sich unter ihn stellte: Der Vater bestimmt dann, was richtig oder falsch ist und bestraft das Kind für ein bestimmtes Verhalten. Die Mutter, die das Kind schützen sollte, greift aber nicht ein. Oder die Mutter selbst kann als Bedrohung wahrgenommen werden oder einfach keinen Schutz bieten. Als Folge des Mangels an Schutz und Sicherheit bleibt das Kind innerlich gestresst, häufig nachweisbar an einem erhöhten Cortisol-Spiegel. Dieses gestresst sein in Beziehung kann sich dann auch im Erwachsenenalter noch zeigen: Irgendwie gelingt es einem dann nicht so richtig sich in Anwesenheit Anderer zu entspannen. Schlussendlich entsteht ein Gefühl des schutzlos-sein, des ausgeliefert-sein. Die Reaktion: Man traut sich nicht richtig sich in Beziehungen zu öffnen oder zu zeigen, aus Angst, man könnte verletzt werden. Wichtig dabei ist aber zu erkennen, dass man nicht mehr das hilflose Kind von früher ist, sondern dass man erwachsen geworden ist und sich den Schutz selber bieten kann – dies ist oft auch Gegenstand einer Beratung.   


4. Bindungsverhalten: Desorganisierte Bindung

Betroffene Kinder wachsen häufig mit einem traumatisierten Elternteil auf und werden seelisch oder psychisch von ihren Bezugspersonen misshandelt. Solche Kinder benötigen für ihre psychische Entwicklung frühzeitig eine Kinderpsychotherapie.

Natürlich gilt es in jedem einzelnen Fall die Bindungserfahrung zu überprüfen. Auch gibt es äussere Faktoren, wie bspw. ein langer Spitalaufenthalt der Mutter oder des Kindes und dadurch eine trennende Bindungserfahrung in frühen Jahren, die auf die Entwicklung einen Einfluss nehmen kann. Oder ebenso wie eine distanzierte Bindung zu einem Elternteil kann sich auch ein überbehütendes Verhalten negativ auf unsere psychische Entwicklung auswirken.

Die gute Nachricht: Da unser Gehirn plastisch ist, ist auch jederzeit eine Veränderung möglich – in meiner Beratungstätigkeit erlebe ich immer wieder, wie Beziehungsmuster sich auch in der Beratung zeigen. Durch das Ansprechen können auch Ängste zu Tage treten, welche dann bearbeitet und langsam verändert werden können.

Wie sensibel ein Baby auf das Verhalten der Mutter reagiert wird im Youtube-Video „Still Face-Experiment“ von Edward Tronick dargestellt. Sehr empfehlenswert da reinzuschauen.

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Die drei Stressreaktionen: Fight, Flight oder Freeze. Kampf, Flucht oder Starre.

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Frühe Bindungserfahrungen prägen späteres Bindungsverhalten – Teil I