Verletzlichkeit ist keine Frage des Geschlechts - und keine Frage der Stärke oder Schwäche.
Donnerstagmittag an der Dufourstrasse 35 in Zürich. Gegenüber von mir sitzt ein attraktiver, beruflich erfolgreicher Mann. Von seinem Umfeld erhält er Bewunderung, berichtet er. Er hat erreicht, was andere sich wünschen, kann sich über seine Arbeit nicht beklagen, zuhause begrüsst ihn jeweils herzlich seine Familie. Und dennoch könne er sich nicht so zeigen, wie er wirklich ist. Ob er dies genauer ausführen kann, frage ich nach. Sein Blick senkt sich, er schäme sich, sich von seiner verletzlichen Seite zu zeigen. Er muss stark sein, so kenne man ihn: erfolgreich, Entscheidungen treffen. stark, mutig und schützend. Manchmal fühle er sich aber auch ängstlich, bedürftig, hätte selbst gerne jemanden, der ihm Schutz biete, wo er sich fallen lassen kann, erzählt er. Ich bin berührt, und nehme mit ihm den Kontakt auf - gemeinsam gestalten wir die Stunde zum Thema Verletzlichkeit im Hinblick darauf, weshalb es so wichtig ist sie zu leben, sie zu zeigen und wie er dies Schritt für Schritt, in seinem Tempo, anfangen kann zu leben.
(Ausschnitt einer Beratungsstunde mit Coachinginterventionen. Anonymisiert, freigegeben.)
Verletzlichkeit - und weshalb wir sie für ein zufriedenes Leben brauchen
Verletzlichkeit ist ein Aspekt unserer weiblichen Anteile, die JEDER Mensch, sowohl Mann als auch Frau, in sich trägt. In der taoistischen Kosmologie spricht man von Yin und Yang, der berühmte Schweizer Psychiater C. G. Jung bezeichnete das Männliche in der Frau als „Animus“ und das Weibliche im Mann als „Anima“. Ich spreche heute vereinfacht vom weiblichen und männlichen Anteil in uns.
Die weiblichen Anteil spiegeln sich in folgenden Eigenschaften:
Empathie und Mitgefühl
Sanftheit
Sinnlichkeit
Spüren des eigenen Körpers, liebevoller Umgang
Langsamkeit
Fürsorge
Geduld
Hingabe
Abhängigkeit
die Fähigkeit, sich dem Anderen zu öffnen
Verletzlichkeit zulassen
Stichwörter: Passiv sein, Hingabe, empfänglich, nährend, verletzlich
Den männlichen Anteilen werden folgenden Eigenschaften zugeschrieben:
Zielgerichtet, nach vorne und oben gerichtet wie der Phallus
kämpferisch
Selbstdisziplin
leistungs- und wettbewerbsorientiert
Struktur gebend
Stark im Kopf/Verstand, viel denken
Vernunftgesteuertes, erfolgsorientiertes Handeln
Willensstärke
Stichwörter: Aktiv sein, treiben, kämpfen, erobern, Erfolg
Wahrscheinlich habt ihr euch selbst in den einen oder anderen Eigenschaften wiedererkannt. Es geht in erster Linie darum, dass man(n und frau) sich dieser Anteile bewusst werden und versuchen, beide im Leben zu integrieren. Integrieren bedeutet, dass man selbst beide Anteile lebt - sich traut, als Mann und als Frau, passiv zu sein, sich bedürftig und verletzlich zu zeigen. Sich hinzugeben. Im Alltag genauso wie auch in der Sexualität.
Legen wir den Fokus zu sehr auf unsere männlichen Anteile, geht ein Teil von uns verloren.
Wir werden depressiv verstimmt, aggressiv, unzufrieden, suchen die Fehler bei anderen, sind erschöpft, ausgelaugt. Zeigen ein Kompensationsverhalten, suchen Männer, die uns als Frau bestätigen müssen oder Männer suchen Anerkennung der Frauen, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Und nicht zuletzt kann sich dieses Ungleichgewicht auch in körperlichen Symptomen wie Rückenschmerzen bemerkbar machen.
Eine grosse Herausforderung liegt auch darin, dass in unserer Gesellschaft vorzugsweise die männlichen Anteile gelebt und bewundert werden und die weiblichen Anteile im Alltag (besonders auch im Berufsalltag) viel zu kurz kommen. Wir müssen uns möglichst stark, selbstbewusst und erfolgreich präsentieren, leisten, viel denken und aktiv sein. Wo aber bleibt dann noch der Raum für unsere Passivität, Hingabe und Verletzlichkeit?
Hinzu kommt, dass viele Männer sich schämen, ihre weiblichen Anteile zu zeigen. Zu lange und über zu viele Generationen wurde ihnen antrainiert, stark zu sein. Zogen sie in den Krieg, mussten sie lernen ihr Herz zu schliessen, Gefühle abzuschalten und sich so zu schützen. Leider können solche Schutzmechanismen dann über drei bis fünf Generationen weitergegeben werden. Männer haben gelernt ihr Herz zu schliessen und ihre Verletzlichkeit zu unterdrücken - Frauen wiederum wurden in ihrem Schossraum verletzt, unterdrückt und haben auch auf ihre Weise gelernt, ihre weiblichen Anteile zu verbergen.
Über die vergangenen Jahrzehnte haben Frauen sich von einem alten Frauenbild gelöst - und sich dabei stark am männlichen orientiert.
Und so bleiben die weiblichen Anteile bei beiden Geschlechtern heute noch auf der Strecke liegen. Wo leben Frauen und Männer ihre weiblichen Aspekte, ihre Passivität, Hingabe und Verletzlichkeit?
Das Streben nach Perfektion und Unverwundbarkeit ist verführerisch, wir erhoffen uns Schutz und die Sicherheit dadurch. In Wahrheit aber macht es uns nicht stärker, sondern hindert uns in unserer Entwicklungsmöglichkeiten. Wer sich nicht verletzlich zeigt, wird nicht berührt werden. Denn nur wer sich gegenüber anderen verletzlich zeigt, wird ein erfülltes Leben führen können. Verletzlichkeit leben zeigt Mut und ist die Quelle von Liebe, Verbundenheit, Empathie und Freude. Wir alle sind bedürftige Wesen. Ausnahmslos alle.
Möglichkeiten, zum weibliche Anteile mehr im Leben zu integrieren:
Gespräche in vertrauensvoller Atmosphäre, wo man sich mit seinen Ängsten und sanften Seiten zeigen kann
Alle zwei Tage sich 10 Minuten körperlich berühren lassen - eine kurze Kopfmassage, ein Kraulen am Rücken beim Partner oder auch bei guten Freunden einfordern
Wenn du wenig körperliche Berührung von anderen in deinem Leben hast, berühre dich sich selbst regelmässig.Es geht um ziellose, absichtslose, liebevolle Berührungen am Körper.
Partner oder Personen so akzeptieren wie sie sind - Situationen akzeptieren, wie sie sind, ist eine weibliche Qualität
Nicht auf der ständigen Jagd sein, um Gelegenheiten finden den Partner zu verändern, sondern aktiv warten
Seele nähren, für emotionale Nahrung sorgen: Was tut dir richtig gut? Wo kannst du entspannen?
Mit sich selbst Zeit verbringen: Eigene Bedürfnisse und Qualitäten entdecken
Sich dem Körper liebevoll zuwenden: Was braucht dein Körper gerade? Wo möchte er berührt werden? Gönne dir ein schönes warmes Bad, eine angenehm duftende Lotion
Ein entspannender Spaziergang in der Natur, in aller Ruhe, mit allen Sinnen wahrnehmen - oder wähle einfach eine Bewegungsart, die dir entspricht