Perfektionismus – eine weitverbreitete Schutzstrategie. Aber was steckt dahinter?
Nur wenn ich eine Spitzenleistung erbringe, wenn ich einen idealen Körper habe, wenn ich makellose Haute habe, Top-Kleidung trage, eine perfekte Frau, erfolgreiche Kinder usw. habe, bin ich gut genug und werde geliebt. Um akzeptiert zu werden, muss ich perfekt sein. Perfektionismus ist ein Versuch, das beschämende Grundgefühl, minderwertig zu sein, abzuwehren. Innerlich herrscht ein Auftrag an sich selbst: „Wenn ich keinen Fehler mache, wenn ich makellos bin, kann mich keiner angreifen.“
Ich tendierte beispielsweise anfangs auch dazu, sehr komplizierte Sätze in meinen Beiträgen einzubauen – ganz unbewusst natürlich auch. Wahrscheinlich steckte dahinter auch der Wunsch, nicht angreifbar zu werden und möglichst perfekte und schlaue Sätze zu bilden. Die einzige Problematik dabei: die Verständlichkeit und meine echte Botschaft blieben womöglich auf der Strecke und wurden nicht richtig übermittelt. Und genau das verhindert der Perfektionismus: Das wahre Ich, der natürliche, kreative, fantastische Anteil in uns bleibt hinter einer perfekten Fassade verborgen.
Doch wie entwickelt sich der Perfektionismus?
Wichtig ist sich bewusst zu sein, dass kein Baby mit dem Anspruch perfekt zu sein auf die Welt kommt. Es ist eine Eigenschaft, die wir uns im Laufe unserer Kindheit angeeignet haben, gemäss Transaktionsanalyse ein sogenannter Antreiber (siehe Beitrag psychische Antreiber). Scheinbar haben wir uns als Kinder die Strategie zu Recht gelegt, alles perfekt machen zu müssen. Und diese Strategie hat uns, in unserer damaligen Fantasie als Kind, vor etwas Schrecklichem geschützt. Nämlich davor, beschämt zu werden, dass wir nicht gut genug sind. Dass so, wie wir sind, zu dumm, zu wenig hübsch, zu klein, zu gross, zu dünn, zu wenig interessant, nicht oder zu wenig liebenswert sind. Entweder haben wir explizit erlernt, dass wir perfekt sein müssen, weil beispielsweise unsere Eltern oder Grosseltern diesen Anspruch hatten (indem sie von uns bspw. sehr gute Noten in der Schule erwarteten) oder implizit, weil man zum Beispiel eine strenge Lehrperson hatte, die andere Kinder beschämte, wenn etwas nicht gut genug war. Oder man erhielt am meisten Aufmerksamkeit und Lob von einem Elternteil, wenn man etwas sehr gut machte. So entschied man sich, alles daran zu setzen, es perfekt zu machen. Es gibt unzählige Trigger, die dazu führen – wichtig ist selbst in sich hineinzuhören und ehrlich zu reflektieren, was die Angst hinter der Maske des Perfektionismus sein könnte. In diesem Sinne Perfektionismus als Symptom zu sehen.
Perfektionismus als Erwachsene und Vermeidung echter Nähe
Die Strategie des Perfektionismus wenden viele, sofern sie nicht reflektiert und bearbeitet wird, auch noch im Erwachsenenalter an: Auf den sozialen Medien stellt man sich perfekt dar, bei der Arbeit feilt man so lange an einem Konzept, bis es absolut perfekt ist und das köstliche Gericht am Abend – ja bei dem gibt es natürlich auch immer noch etwas zu verbessern.
Doch was wäre ein Wald, in dem jeder Baum perfekt gepflanzt würde? In dem die Erde so perfekt beschaffen wäre, dass jeder Baum an genau für ihn vorgesehenen Platz in die Höhe wächst? Der Wald würde gepflegt, jeder Makel an den Bäumen behoben, jedes Ästchen, das nicht hübsch aussieht abgeschnitten. Die Bäume würden so perfekt an ihrem Ort stehen, dass sie sich gegenseitig nicht berühren würden. Durch die Beseitigung jeden Makels würden sich die Bäume allesamt gleichen. Wäre das der perfekte Wald? Indem kein Unkraut wächst, kein Baum den anderen berührt, sondern abgegrenzt voneinander lebt? Würden wir uns ein solches Leben wünschen?
Wahre Nähe, die wir brauchen, entsteht erst, wenn wir die Maske der Perfektionismus fallen lassen. Und uns damit auch verletzlich machen, weil wir uns zeigen, wie wir sind. Gehen wir jedoch Risiko nicht ein, uns verletzlich zu zeigen, werden wir uns auch nie wirklich nahe kommen.
Was tun gegen Perfektionismus?
Somit kann Perfektionismus uns in vielen Bereichen des Lebens beeinträchtigen und uns von unserem wahren Selbst und echten, intimen Beziehungen abhalten. Doch es ist möglich, den Anspruch an Perfektionsimus zu verändern und eine gesündere Einstellung zu entwickeln. Hier sind erste Veränderungsmöglichkeiten, die man für sich ausprobieren kann:
Selbstreflexion: Reflektieren Sie in einem ersten Schritt sich selbst und und versuchen Sie die Ursachen des Perfektionismus zu verstehen.
Mögliche Reflexionsfragen sind: Warum muss ich perfekt sein? Seit wann kenne ich dieses Verhalten von mir? Was ist meine Fantasie, was passieren würde, wenn ich nicht mehr Perfektionismus in (…) ausüben würde? Hat mein Vater/meine Mutter den Anspruch an Perfektionismus? Wie würden sie auf eine Veränderung meines Verhaltens reagieren?Meinung Anderer relativieren: Ist es eine innere Überzeugung, dass andere an Sie den Anspruch des Perfekt-machen haben? Wurde dies explizit oder implizit so kommuniziert? Wenn es so ist, dass eine Person ihnen dieses Gefühl vermittelt, ist es wichtig zu erkennen, dass dies ein Thema dieser Person selbst ist, dass diese Person selbst unter diesem Antreiber leidet und dies aus ihren eigenen Motiven tut. Versuchen Sie eine innere Distanz dazu aufzubauen und den Anspruch bei der anderen Person zu lassen. Nehmen Sie ihren kindlichen Anteil zu sich und versuchen Sie sich innerlich die Erlaubnis zu geben, dass Sie nicht die Erwartungen anderer erfüllen müssen, um geliebt und akzeptiert zu werden.
Realistische Erwartungen: Reflektieren Sie einen Moment, ob Sie Personen kennen, die nicht perfekt sind. Wie wirken diese Menschen auf Sie? Was würden die Ihnen aus ihrer Erfahrung berichten? Versuchen Sie, Ihre Erwartungen an sich selbst realistischer zu gestalten, indem Sie sich auch am Vorbild anderer orientieren und sich ein neues inneres Bild entwickeln kann. Die Akzeptanz, dass Perfektion nicht erreichbar ist, für niemanden, und wir trotzdem wertvoll und liebenswert sind, kann ebenfalls Erleichterung schaffen.
Selbstmitgefühl entwickeln: Statt sich selbst ständig zu kritisieren, versuchen Sie einmal das kleine Kind zu sehen, dass Sie mal waren, und welches aus guten Gründen sich die Strategie des Perfektionismus angeeignet hat. Womöglich haben Sie zur Vermeidung von Schamgefühlen diese Strategie entwickelt. Wenn es Ihnen gelingt, mit diesen Schamgefühlen in Kontakt zu treten, ist dies bereits ein sehr wichtiger und guter Schritt, der Ihnen möglich ist.
Hilfe in Anspruch nehmen: Wenn Perfektionismus Ihr Leben stark beeinflusst und es schwer ist, alleine damit umzugehen, kann es hilfreich sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich bei dieser Reise und Stück weit begleiten zu lassen und gesunde Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Wichtig ist zu verstehen, dass der Umgang mit Perfektionismus ein laufender Prozess ist. Seien Sie geduldig mit sich selbst und erlauben Sie sich, nach und nach eine gesündere Einstellung zu entwickeln. Muster, die wir über Jahre uns angeeignet haben, brauchen ihre Zeit und ein gewisses Mass an Sicherheit, damit sie sich verändern können.