Über Männer und ihre verletzliche Seite. Und weshalb diese gelebt werden sollte.
In der Beratung zeigt sich immer mal wieder, wie Männer oft zögerlich sind sich damit zu zeigen, wie es ihnen wirklich geht. Es braucht immer ein, zwei, drei Sitzungen bis die Kernthemen zum Vorschein kommen. Es scheint, dass das Bild vom starken und beschützenden Mann stark verinnerlicht ist. Weinen gehört sich nicht. Wie viele von euch Männern haben als Kind bereits gelernt, dass ihr euch nicht schwach zeigen sollt? Dass ihr die Mädchen beschützen sollt? Dass Wut und Aggressivität besser zu euch passt als Weinen und verletzlich sein? Genauso wie Mädchen mehr gelernt haben, dass Weinen und Traurig sein besser zum Mädchen sein passt als wütend und aggressiv sein.
Wahrscheinlich wuchsen viele noch in patriarchalen Strukturen auf, wo der Vater mehrheitlich arbeiten ging und die Mutter zuhause für die Familie sorgte. Selten sah man den Vater bedürftig, weinen, in der emotional nehmenden Rolle.
Jeder Mensch hat sowohl eine weibliche als auch eine männliche Seite.
Frauen haben eine männliche und Männer eine weibliche Seite. Ja, auch Männer verfügen über weibliche Züge. Auch Männer haben ihre verletzliche und bedürftige Seite, auch Männer würden sich fallen lassen wollen und aufgefangen werden – was wären sie auch bloss ohne diese Seite. Roboterähnliche Wesen?! Eine wunderbare Seite, die mich in der Beratung immer wieder sehr berührt. Doch in unserer Leistungsgesellschaft wird von Männern erwartet, dass sie führen, dass sie stark, erfolgreich und selbstbewusst auftreten sollen. Das wird gerne gesehen. Seiten wie Unsicherheit, Bedürftigkeit, Angst, Verletzlichkeit und viele mehr sind wenig willkommen, weder von Seiten des Arbeitgebers noch von Seiten vieler Frauen. Diese weiblichen Anteile, die jeder hat (und zwar wirklich jeder Mann!) werden dann einfach innerlich verdrängt. Abgespalten. Was aber nicht heisst, dass diese nicht vorhanden sind.
Unterdrückte Gefühle finden ihr Ventil in anderen Bereichen
Kein Gefühl löst sich in Luft auf oder lässt sich aus unserem Leben drängen und für immer verabschieden. Ja genau: Ist. Nicht. Möglich. Und ist auch gut so. Was passiert also, wenn Mann sich nicht mit all seinen Seiten, den starken und den schwachen zeigen kann? Nicht selten äussern sich die verdrängten Anteile in Form von Rückenschmerzen („zu viel lastet auf meinen Schultern“), Verspannungen im Nackenbereich, Suchtverhalten (erhöhter Alkohol-/Drogenkonsum, Rauchen als Entspannungshilfe), Flüchten in Arbeit (um sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen) oder erhöhtem aggressivem/wütenden Verhalten. Neuerdings werden auch mehr Untersuchungen zum Thema „male depression“ gemacht, da man mittlerweile vermutet, dass Depression bei Männern nicht seltener als bei Frauen vorkommt, aber diese sich in anderen Symptomen äussert wie beispielsweise verstärkte Gereiztheit und Aggressivität.
Abschliessend soll noch gesagt werden, dass Frauen, die starke Männer erwarten, sollten sich selbst fragen, was das mit ihnen zu tun hat – ob sie sich vielleicht selbst zu schwach fühlen und vom Gegenüber eine Kompensation erwarten. Mut ist, wer sich seinen Anliegen stellt – sowohl als Frau als auch als Mann. Wer hinsteht und sagt: Ja, ich möchte mich verändern. Aber nein, alleine gelingt es mir nicht. Ich möchte meine Probleme verstehen und weiterkommen.
Was wir gewinnen, wenn Männer sich mit all ihren Anteilen (auch die vermeintlich schwachen) zeigen ist echte Nähe, echte Intimität und echte Verbundenheit. Wenn das nicht Grund genug ist.