Mut zur Wut! Weshalb Frauen sie oft unterdrücken.

In meiner Arbeit als Beraterin beobachte und arbeite ich immer wieder mit Frauen, die gehemmt sind, ihre Wut und Aggression zum Ausdruck zu bringen – oder diese überhaupt zu spüren. Und dabei gehört Wut, nebst Trauer, Freude, Angst, Ekel, Scham, Neugier und Liebe, zu unseren Grundgefühlen. Das heisst, Wut gehört zu unserer Existenz und ist in unserem Wesen als Mensch vorhanden. Ich habe mich lange damit beschäftigt, weshalb Frauen (natürlich kann das auch auf Männer zutreffen) so Mühe mit Wut und damit einhergehend auch dem Austragen von Konflikten haben. 

Liegt es an unserer Schweizer Kultur, die von Neutralität geprägt ist und niemand zu sehr auffallen will? In der man sich möglichst neutral und harmonisch verhalten soll, und Wut entsprechend nicht gewünscht ist? Oder passt Wut in das klassische, alte Verständnis von Frausein nicht rein? Wurde von den Frauen von der Generation zuvor nicht vorgelebt, wie man mit Wut umgeht? Klar, es war auch eine andere Generation. Nicht selten waren sie von ihrem Mann abhängig, sodass das Ausleben von Wut vielleicht sogar etwas Existenzbedrohendes an sich hatte.

Unterscheidung Wut und Aggression

Zunächst einmal aber zum Begriff der Wut und Aggression. Wut ist ein Gefühl, das sich immer aufs Hier und Jetzt bezieht. Wenn wir unsere Wut äussern, zeigt sich das häufig in einem aggressiven Verhalten. Die Fähigkeit, aggressiv zu reagieren ist uns angeboren und ein stammesgeschichtliches Erbe. Dieses sinnvolle Erbe ermöglicht auch die wörtliche Bedeutung von Aggression: Der Begriff stammt vom Lateinischen ad-gredi und bedeutet „an etwas herangehen“. Wenn ich also aggressiv bin, gehe ich an Mitmenschen oder Dinge heran und setze mich mit ihnen auseinander – ich verteidige meine Position, meine Grenzen, behaupte meine Bedürfnisse oder schütze mich vor Schädigung. Entsprechend ist Aggression Kampfbereitschaft und damit – wie jedes Grundgefühl – Energiebereitstellung unseres Organismus (vgl. R.R. Klitz 1996: S. 63). Daher hat Aggression zunächst nichts Negatives, keine Absicht, jemand anderen zu Schaden. Wenn wir mit Aggression jemandem Schaden zufügen ist das bereits eine Folge davon, dass unsere Aggression nicht „landen“ konnte (nicht wahrgenommen oder ausgelebt wurde), sich angestaut hat und aggressive Energie gesammelt wurde. Erst daraus entsteht dann die destruktive, unmenschliche Seite von Wut. 

Machen wir nun aber bei der konstruktiven Seite der Wut weiter. Denn dann hat Wut ein grosses Energiepotenzial – und genau diese Energie brauchen wir zum Handeln, zum Weiterkommen, um uns zu entwickeln. Gerne bringe ich immer wieder das Beispiel von Roger Federer (ja er ist halt keine Frau, aber ein gutes Beispiel ist er hier trotzdem): In einem Interview sagte er mal, dass er während des Spiels häufig wütend auf den Schiedsrichter reagiert und ihm diese Wut dann wieder einen Energieschub im nächsten Satz verleiht. Wut gleich Energie. 

Wie kommt es dann, dass Frauen so häufig in ihrer Wut gehemmt sind? 

Folgend ein paar Fragen zur Anregung: 

  • Wie ging Ihre Mutter mit ihrer eigenen Wut um? 

  • Äusserte sie diese gegenüber der betreffenden Person (ihrem Mann, Vater etc.)? 

  • Oder ärgerte sich ihre Mutter (vermeintlich) gar nicht? 

  • Brachte sie ihre Wut hinter dem Rücken der betreffenden Person zum Ausdruck? 

  • Wenn sie sich nie ärgerte: Ging sie ihren eigenen Weg? Konnte sie sich entfalten? Konnte sie ihre ganz eigenen Wünsche, ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigene Kraft verwirklichen? 

  • Wie wurde mit Ihrer eigenen Wut umgegangen? Durften Sie diese aktiv ausleben und wurden Sie trotz Ihrer Wut geliebt?

Nicht selten wurde Frauen als Kind beigebracht, dass Mädchen nicht wütend sein dürfen. So lernten sie das Gefühl der Wut zu unterdrücken – oder besser gesagt: mit einem anderen Gefühl zu überspielen. Meistens mit dem Gefühl der Trauer. In der Transaktionsanalyse nennt sich dieses Gefühl dann „Ersatzgefühl“, weil es eben nicht das richtige Gefühl ist. Wie sich das auswirkt? Vielleicht haben Sie das auch schon selbst bei sich erlebt, dass Sie (oder eine Freundin) anfangen zu weinen, wenn Sie in einem Konflikt und eigentlich richtig wütend sind. Leider ist es in unserer Gesellschaft oft so, dass Frauen, wenn sie sich traurig zeigen, mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung erhalten (Frau sagt dann zum Partner „Dein Verhalten macht mich traurig“, obwohl sie eigentlich wütend ist!) – sie wirken dann verletzlich, erhalten die grössere Chance gesehen zu werden und Zuwendung zu erhalten. „Dein Verhalten macht mich so wütend“ endet eher darin, dass sich der Partner abwendet oder den Raum verlässt, bis sich die Frau wieder beruhigt hat. Weil Männer eben auch nicht gelernt haben, wie man mit wütenden Frauen umgeht!

Wenn man Wut gegen sich selbst richtet

Das Problem am Ganzen: Wenn Frau ihre Wut nicht richtig zum Ausdruck bringen kann (weil sie es schlicht und einfach nicht gelernt hat), geht dieses kraftvolle Gefühl unter. Das kraftvolle Gefühl, das ein Ruf für Veränderung ist. Oder besser gesagt richtet sich das kraftvolle Gefühl nach innen. Ungelebte Wut, die eigentlich dem Aussen gilt, richten Frauen nicht selten gegen sich selbst: Der eigene Körper wird abgewertet, als ungenügend schön empfunden, man empfindet sich selbst als nicht gut genug. Nach innen gerichtete Wut kann sich auch in körperlichen Symptomen wie bspw. Migräne äussern. Essstörungen sind Hinweise darauf, dass Konflikte im Aussen nicht ausgetragen werden und gegen innen gerichtet werden. Auch bei der Depression kann es um einen Kampf gehen, der innerlich mit sich selbst ausgetragen wird (siehe Beitrag Über Depression und Burnout. Und der Anfang zur Selbstfindung.). Oder man weicht mit sonst einem Suchtverhalten der eigentlichen Wut aus. So kann die positive Kraft der Wut auch ab einem gewissen Punkt selbstdestruktiv werden. 

Mit meinen Klientinnen arbeite ich dann jeweils Schritt für Schritt daran, ihre Wut wieder spürbar und die konstruktiven Seiten der Wut erlebbar zu machen. Dies kann zu Beginn auch bedrohlich wirken oder gar Angst machen, was absolut normal ist. Mit der Zeit kann dann die Wut aber aktiv für das genutzt werden kann, für das sie sich in einem bestimmten Moment zeigt. Denn je besser ich meine wütige/aggressive Seite integriert habe, umso besser kann ich sie auf gesunde Weise im Alltag ausdrücken.

Egal, ob man 15, 25, 35, 50 oder 65 Jahre alt ist – es ist nie zu spät, die Wut in unser Leben zu integrieren – denn sie ist so oder so ein Teil von uns. Ob wir sie spüren oder unterdrücken. Die Wut ist nicht das Böse, sie ist nicht des Teufels, sie ist da, um uns auf etwas aufmerksam zu machen und um uns zum Handeln zu bringen. Und somit auch um uns selbst weiterzuentwickeln. Es ist eine Frage des Respekts gegenüber uns selber, ob wir unsere Gefühle wahrnehmen und wie wir diese ausdrücken.

Übrigens: Bei vielen Männern verhält es sich umgekehrt: sie haben gelernt, dass Jungen nicht traurig sind. Und lernten ihre Trauer zu unterdrücken und mit Wut zu ersetzen. Deshalb verbirgt sich nicht selten hinter Wut eigentlich ein Gefühl der Trauer.

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Übung: Machen wir eine Zeitreise …

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Psychische und körperliche Anzeichen eines Burnouts.