Wenn man unter seinen Möglichkeiten lebt, weil man an alten Überzeugungen festhält.
Wir alle tragen verdeckte, schlummernde, (noch) nicht genutzte Fähigkeiten und Möglichkeiten in uns. Viele Menschen leben diese nicht aus, weil sie (meist unbewusst) noch an alten Überzeugungen festhalten, die aber eigentlich längst nicht mehr zu ihnen passen.
Die Leitfrage lautet hier: „Wo liegen noch Möglichkeiten in mir vergraben, die ich durch meine biografische Prägung nicht leben konnte?“ (vgl. A. Landschof in: Psychologie heute 02/20, S. 26). Oft kommen Talente nicht zum Einsatz, weil es noch eine innere Restriktion gibt. Beispielsweise sind viele davon überzeugt, dass sie nicht singen können – oft liegt darunter aber ein inneres Verbot wie: Ich darf nicht laut werden. Oder ich bekomme keine Zuneigung, wenn ich laut werde. Vielleicht wurde man in der Herkunftsfamilie beschämt, wenn man laut wurde.
So kann uns die alte Angst, beschämt zu werden, daran hindern zu singen.
Dabei geht es auch gar nicht darum, dass man wie ein Superstar singen und jeden Ton treffen muss. Aber wenn es einem Freude bereitet zu singen, man sich dabei gut fühlt und es einem Freude bereitet: Weshalb dann nicht einfach machen?
Häufig sabotieren wir uns innerlich selbst (aktuell in den Medien als innere Saboteure/Kritiker betitelt), aber die Frage lautet auch:
Woher kommen denn überhaupt diese inneren Saboteure oder Kritiker?
Es sind unbewusste Verbote aus der Kindheit, denen wir noch immer folgen. Um beim Beispiel vom Singen zu bleiben: Vielleicht hatten wir einen Vater, der erschöpft von der Arbeit nach Hause kam und seine Ruhe wollte. Da Kinder alles dafür machen, um die Zuneigung der Eltern zu kommen, lernten sie bspw., dass sie nicht laut sein sollen, da der Vater ansonsten wütend würde.
So haben wir alle in unserer Herkunftsfamilie Regeln gelernt, haben die Gebote und Verbote der Familie verinnerlicht. Uns wurde beigebracht, was wir können und was wir nicht können. Wie wir uns in der Familie zu verhalten haben, wie wir Liebe und Anerkennung bekommen (erhielten wir bedingte/unbedingte Liebe? Anerkennung durch gute Noten? Anerkennung durch Charme, Witz? Anerkennung durch Anpassung?). Aufgrund dieser Prägungen entstand dann (aus Sicht der Transaktionsanalyse) unser sogenanntes „Lebensskript“. Dieses Lebensskript gab uns als Kind Sicherheit und half uns, uns in den Familienstrukturen der Herkunftsfamilie zu bewegen und zurechtzukommen. Für das damalige Gefüge war all das erlernte richtig und wichtig.
Wichtig ist aber auch, dass wir uns in unserem heutigen Leben fragen, ob diese Gebote und Verbote noch nützlich sind. Oder ob sie uns allenfalls daran hindern, unsere Wünsche und Talente zu leben. Auf was hättet ihr im Herzen Lust? Welche Sprache würdet ihr gerne erlernen? Welcher Beruf würde euch noch interessieren? Welche Tätigkeit fändet ihr spannend auszuprobieren? Und wenn ihr es bis heute noch nicht gemacht habt, dann sind sehr wahrscheinlich unbewusste, behindernde Strukturen aktiv.
Mein Vater war immer sehr sprachtalentiert und vermittelte uns Kindern, Sprachen zu beherrschen sei so wichtig. Als Kind interpretierte ich in diese Botschaft (und dies war die Sicht eines Kindes), dass ich die Sprachen nicht genug beherrsche und nicht gut genug darin bin. Dies hinderte mich bis vor ein paar Jahren daran, eine neue Sprache zu lernen. Durch Reflexion und aufdecken dieser Prägung gelang es mir, die Freude an einer neuen Sprache zu entdecken und diese nun motiviert zu erlernen.
Doch bevor wir aus einem festgefahrenen Muster ausbrechen können, müssen wir zunächst überhaupt erkennen, was uns genau in unserer Entwicklung und Entfaltung blockiert.
Es braucht Zeit und Geduld, sich auf diesen Weg zu machen. Denn was wir bis heute über Jahrzehnte gelebt haben und davon überzeugt waren, lässt sich nicht innerhalb von einer Stunde ändern. Es braucht auch Mut, aus alten Mustern auszusteigen, denn es bedeutet auch, sich auf neue, noch unbekannte Wege zu begeben und den sicheren Hafen zu verlassen. Und alles, was neu und unbekannt ist, löst in uns primär mal Angst aus.
Die alten Muster wirken dann wie unsichtbare Gummibänder, die uns immer wieder zurückwerfen und sich wieder aktivieren. Genau dann ist es wichtig, nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen – wie ein Kind, das lernt zu laufen, immer wieder hinfällt, aber nicht aufgibt und weitermacht. Je mehr kleine Erfolge wir mit unserem neuen Verhalten erleben, desto mehr festigt sich unser neuer Weg und bildet neue Verknüpfungen in unserem Gehirn.
In der Beratung gehe ich meist so vor, dass zunächst einmal klar definiert wir, wovon man eigentlich weg will. Und welches Muster oder Überzeugung da zugrunde liegen könnte, das einem daran hindert, neue Wege zu beschreiten. Die Klienten befinden sich dann in einer Art Schwebezustand: Sie wissen wovon sie weg wollen, aber noch nicht genau, wohin sie gehen wollen. In dieser Phase begleite ich und biete Schutz und Sicherheit, um diese Unsicherheiten aushalten zu können und ein Anker zu sein, zu dem sie immer wieder zurückkehren können. Eine Begleitung in solchen Veränderungsprozessen kann so hilfreich sein, da sie sowohl neue Perspektiven als auch den nötigen Schutz und Anker bietet, sodass man gehalten neue Wege gehen kann. Wie ein Kind, das laufen lernt, und die Sicherheit von der Mutter hat, die es trösten wird wenn es hinfällt und unterstützen wird weiterzumachen.