Raus aus der Komfortzone! Aber weshalb trauen wir uns nicht?
Lernen und Entwicklung geschieht dann, wenn wir gefordert und sogar auch ein bisschen überfordert werden. Idealerweise lernen und entwickeln wir uns, wenn wir auch von Menschen umgeben sind, denen es ähnlich geht (siehe Schule, Weiterbildung, Weg in die Selbständigkeit, etc.) oder wir sogar noch einen wohlwollenden Mentor zur Seite haben.
Und doch bewegen sich viele Menschen nur in ihrer Komfortzone. Vermeiden es, neue Herausforderungen anzupacken, mal über den Tellerrand hinauszuschauen - und klagen irgendwann über Langeweile, Lustlosigkeit, Starre oder Hegen den Wunsch, aus allem ausbrechen zu wollen. Wenn wir uns nämlich über längere Zeit immer nur in der Komfortzone aufhalten („es ist halt eben so einfach so“, „so kenne ich es am besten“, „so bin ich es mir gewohnt und auch immer gut damit gefahren“), kommt es irgendwann zu einer Art Stillstand. Wir lernen nichts Neues dazu, kennen bereits alles und irgendwie richtet man sich sein Leben so auch bequem ein. Gleiche Freunde, Treffen laufen immer ähnlich ab, die Beziehung zum Partner funktioniert seit Jahren gleich, Ferien verbringt man am liebsten dort, wo man sich auskennt. Kommt dir das bekannt vor? Hast du das auch schon erlebt?
Wie kommt es, dass wir in dieser Komfortzone stecken bleiben?
In der Transaktionsanalyse sprechen wir von unserem sogenannten Bezugsrahmen. Er umfasst alles, was wir bereits kennen, wir wissen, wie wir uns in unserer Umgebung zu verhalten haben, was die Regeln und Normen sind etc. (siehe Abb. 1).
Abbildung 1: Konzept des Bezugsrahmens aus der Transaktionsanalyse
Erweitern wir unseren Bezugsrahmen (= Verlassen der Komfortzone) werden wir automatisch mit Unbekanntem konfrontiert, was in uns sowohl physisch als auch psychisch Ängste auslöst:
Sobald wir auf etwas Unbekanntes stossen, schlägt nämlich unsere Amygdala (Teil des limbischen Systems, verantwortlich für die Vermittlung und Verarbeitung von Emotionen) in unserem Hirn Alarm. Dieser Schutzmechanismus aufgrund potenzieller Gefahr (man weiss ja nie, was da auf einem zukommt) stellt unseren Körper auf Flucht, Kampf oder Starre ein (mehr zu Fight, Flight oder Freeze siehe Artikel: Je nach Stresssituation reagieren wir unterschiedlich: Fight, Flight oder Freeze. Kampf, Flucht oder Starre.) und führt dazu, dass Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet werden.
Da sich einige Menschen nicht gewohnt sind ihre Komfortzone zu verlassen, ist für sie das Aufbrechen ihres Bezugsrahmens mit grossen Ängsten und entsprechend hohem Stress verbunden. Häufig hängt unser Umgang mit Bezugsrahmenerweiterung auch damit zusammen, wie in unserer Herkunftsfamilie mit Veränderungen umgegangen wurde:
Wurden Veränderungen willkommen geheissen?
Oder reagierten die Eltern eher zurückhaltend oder gar ängstlich darauf?
Erweiterten die Eltern als Vorbilder ihren Bezugsrahmen oder tendierten sie dazu, in ihrer Komfortzone zu bleiben?
Die gute Nachricht ist, dass die stressauslösende Amygdala lernfähig ist!
Zusätzlich zu den sogenannten „fehlgeleiteten“ Schaltungen, welche starke Ängste auslösen, können neue Ersatzschaltungen gebildet werden. Je öfter wir dann unseren Bezugsrahmen erweitern, über umso mehr Ersatzschaltungen verfügen wir, die nicht gleich die Angst ins Unermessliche steigen lässt. Häufig ist es auch hilfreich sich bei einer grösseren Bezugsrahmenerweiterung professionelle Unterstützung zu holen, da einem das einen gewissen Halt in Zeiten von Unsicherheit und der Konfrontation mit Ängsten bieten kann. Merke dir auch: Es braucht auch nicht immer gleich eine radikale Änderung des Bezugsrahmens - manchmal fühlt es sich schon nur gut an, wenn man für sich eine kleine Erweiterung geschafft hat (bspw. das Erlernen einer neuen Sprache, sich einen Abend für pro Woche für sich selbst herausnehmen, ein neues Hobby ausprobieren, eine erste Klavierstunde nehmen, sich mit einem netten entfernten Bekannten verabreden, an einem Infoabend für eine mögliche Weiterbildung teilnehmen etc.).
Wichtig ist es, eine gute Balance zwischen Komfortzone und Bezugsrahmenerweiterung zu schaffen.
Permanente Bezugsrahmenerweiterung würde zu viel Stress auslösen, ewiges Verharren in der Komfortzone führt zu Erstarrung und wenig Entwicklung. Du kannst dir folgende Fragen für dich überlegen:
Was würde dich reizen, Neues auszuprobieren? Was hindert dich daran? Sind es möglicherweise verborgene Ängste?
Was von deiner Komfortzone würdest du gerne aufrechterhalten?
Wann hast du zuletzt deinen Bezugsrahmen erweitert? Und welche Erfahrung hast du damit gemacht?
Was wäre ein erster kleiner Schritt, deinen gewohnten Bezugsrahmen ein wenig zu erweitern?